Geleitwort von Jan-Werner Müller
Gibt es das eine, jedem eingängige Symbol für Demokratie? An dieser Frage sind viele verzweifelt.
Die Anführer der Französischen Revolution wollten ihren Landsleuten demokratische Ideale mittels großer Festlichkeiten im Freien nahebringen; vor allem waren sie auf eine Verkörperung demokratischer Ideale als Teil einer umfassenden politischen Pädagogik für die Massen aus. Was tat man? Herkules-Statuen wurden errichtet. Der für seine Körperkraft berühmte mythische Held sollte das Volk repräsentieren, denn das Volk war schließlich in der Demokratie am stärksten, so der Gedanke. Doch auch nach vielen Erklärungen vor versammelter Menge wurde diese Ikonographie nicht recht verstanden und konnte sich nicht durchsetzen.
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gab es nationale Wettbewerbe, wie man die Republik am besten darstellen solle. Ein Gedanke war, Marianne, ihre auch heute noch bekannte Verkörperung, solle am besten immer sitzend zu sehen sein, denn im Gegensatz zur Klage ihrer Kritiker bedeute Demokratie Ruhe und nicht politisches Chaos. Am Ende wurde der Wettbewerb ergebnislos abgebrochen.
Gibt es vielleicht ein grundsätzliches Problem mit der Verkörperung demokratischer Ideale? Ein berühmter Politiker war genau dieser Ansicht. John Quincy Adams, seines Zeichens der sechste Präsident der Vereinigten Staaten, bemerkte einmal: „Demokratie hat keine Monumente. Sie prägt keine Medaillen; sie zeigt niemandes Kopf auf ihren Münzen; ihr ureigenstes Wesen ist bilderstürmerisch.“
Das stimmt so nicht ganz: Es gibt verschiedene Democracy Monuments auf der Welt (beispielsweise in Thailand). Und doch scheint Quincy Adams einen wichtigen, vielleicht auch wunden, Punkt getroffen zu haben: Monarchien lassen sich mit Haupt und Körper des Königs darstellen. Aber das Volk in einer Demokratie bekommt man nicht so leicht symbolisch eingefangen, von abstrakten (und auch stets umstrittenen) Idealen wie politischer Gleichheit erst gar nicht zu reden.
Vor diesem Hintergrund sind die Ideen der rund 170 Schülerinnen und Schüler aus neun Berliner Schulen, die an „Democracy First" 2.0: Kultur- und Wissenschaftsdiplomatie im transatlantischen Verhältnis teilgenommen haben, umso bemerkenswerter. Manche „demokratischen Dinge“ lassen den Bezug zu den uns geläufigen Praktiken der repräsentativen Demokratie sofort deutlich werden, lange Erklärungen braucht es eigentlich gar nicht. Bei anderen muss man nicht nur auf interessante Weise um ein paar Ecken denken, sondern begreift schließlich auch, dass Dinge ihre potentielle demokratische Qualität erst in ganz bestimmten Konstellationen mit anderen Dingen (und Menschen!) entfalten. Das demokratische Ding an sich ist selten, vielleicht gar nicht existent; die Möglichkeiten, aus verschiedenen Dingen etwas für die Demokratie zu machen, sind hingegen vielfältig, ja vielleicht gar unbegrenzt.
Dieser Pluralismus der Ansätze – und die Gedanken, die die Beschäftigung mit bestimmten Dingen anstößt – sind der Suche nach dem einen hundertprozentig garantierten demokratischen Symbol sicher vorzuziehen. Demokratie heißt zwar immer, anderen als Freien und Gleichen zu begegnen, aber das bedeutet nicht, dass sie sich vorhersehbar in immer gleichen Dingen umsetzt und symbolisch darstellen lässt. Denn Demokratie ist nicht eine einzige Praxis: Wählen ist etwas anderes als Reden halten, und das wiederum ist etwas anderes als Verhandeln. Demokratie bietet letztlich das Versprechen, sich abstrakte Ideale immer wieder in neuen Anordnungen und mit ganz eigenen Formen der Aneignung zu erschließen. Die Online-Ausstellung des Schülerlabors der BBAW lädt genau zu diesem Prozess ein.