Nachdenken über Demokratie in der Tradition Thomas Manns
Die Sommerstaffel des Schülerlabors war in Anlehnung an ein Thomas Mann-Zitat mit „Democracy First“ 2.0. Kultur- und Wissenschaftsdiplomatie im transatlantischen Verhältnis überschrieben. Sie adressierte Leistungskurse der Fächer Deutsch, Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie und Englisch. Teilgenommen haben Schülerinnen und Schüler von neun Berliner Gymnasien, teilweise mit bilingualem Profil.
Eine programmatische Äußerung desselben Autors war der Veranstaltung jeweils als Leitidee eingeschrieben: „Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition“. Mann bezieht sich in einer für die BBC aufgezeichneten Ansprache damit auf seine Familie, deren Erbe im Engagement für das Gemeinwohl er nicht als Inhaber eines politischen Amtes, als Senator der Stadt Lübeck, sondern eben „auf eigene Art“, mit den Mitteln des Wortes, als Schriftsteller und öffentlicher Intellektueller angetreten habe.
Im Workshop wurde der Satz wiederum auf die Nachfolge Manns angewendet bzw. zur Diskussion gestellt, inwieweit sich ein Nachdenken über Demokratie heute auf sein Vorbild berufen kann. Verteilt wurden zu diesem Zweck Auszüge aus seinen einschlägigen Reden („Vom kommenden Sieg der Demokratie“ u.a.) und Stellungnahmen aus der Video- und Podcast-Serie „55 Voices for Democracy“ des Thomas Mann House sowie von Beiträgern einer aktuellen Umfrage der ZEIT zur Zukunft der transatlantischen Beziehungen. Um die Zusammenführung der Ergebnisse im Plenum zu erleichtern, wurden vier Kategorien angeboten, denen die Gruppen ihre Statements zuordnen konnten.
Innerhalb der Akademie knüpfte das Projekt an das Jahresthema 2025/2026 „Konflikte lösen!“ an. Dessen Koordinatorin Milena Rinck konnte den Schülerinnen und Schülern „aus erster Hand“ Einblicke in das Arbeitsfeld der transatlantischen Kultur- und Forschungspolitik bieten. Etwas ausführlicher beleuchtet wurde exemplarisch die Arbeit am Thomas Mann House in Pacific Palisades.
Nachdenken über Demokratie im Medium einer Ausstellung
Der zweite Teil des Workshops nahm die Leitidee Manns dann abermals auf, um ihr eine weitere Wendung zu geben: „Auf eigene Art“ bezog sich nach der Arbeit mit Texten nun auf die Arbeit mit Objekten, auf das Experiment, im Medium der Ausstellung über Demokratie nachzudenken. Im Vorfeld hatten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, „demokratische Dinge“ von zuhause mitzubringen und ihre Wahl schriftlich zu begründen. Auf diese Weise kam nach und nach ein „Museums-Depot“ zusammen.
Nach einer Einführung in die Theorie des Kuratierens (mündend u.a. in die Thesen, dass Ausstellen ein Denken im Raum sei und dass dabei nicht nur der Kurator, sondern auch der Betrachter durch die Bezüge, die er zwischen den Objekten herstelle, aktiv Bedeutung stifte) war es die Aufgabe, in Gruppen kleine Ausstellungen aus dem Bestand des Depots zu arrangieren. Sie wurden erst einmal ohne Titel aufgebaut, von den übrigen Schülerinnen und Schülern „besucht" und versuchsweise gedeutet; erst danach äußerten sich die Urheber der Ausstellung jeweils zu ihren Intentionen.
Vergleichsstudien wie PISA haben jüngst wieder gezeigt, was die Erfahrung im Schülerlabor bestätigt: Deutsche und damit auch Berliner Jugendliche haben vielfach, selbst auf dem Gymnasium, Probleme beim Leseverständnis, bei der Erschließung zumal komplexerer Texte. Umso produktiver war der Versuch, sich über die Anordnung von Gegenständen im Raum mitzuteilen, mithilfe von Dingen eine Reflexion über etwas so schwer Fassliches, Abstraktes wie Demokratie anzustoßen.
Aus dem Gesamtbestand der Einreichungen haben wir für die Präsentation auf dieser Webseite etwa 40 ausgewählt. Zwar vermag sie von den spannungsvollen Konstellationen, die die Gruppen durch ihr Arrangement der Gegenstände hergestellt haben, und von der Intensität einiger Gespräche im Plenum keinen Eindruck zu geben. Doch auch die einzelnen Objekte haben in ihrem Rätselcharakter, ihrer Unbestimmheit einen gedanklichen Reiz. Wer ihn ausschöpfen möchte, belasse es im ersten Schritt bei der bloßen Betrachtung der Exponate. Die eigene Antwort darauf, was genau ihren demokratischen Charakter ausmache, kann dann via Klick auf die Kacheln mit dem verglichen werden, was sich die anonymisierten Autorinnen und Autoren „dabei gedacht“ haben.
Yvonne Pauly
Das Projekt in Kürze
Projektdauer: Mai-Juli 2026
Projektleitung: Dr. Yvonne Pauly und Dr. Milena Rinck
Projektassistenz: Emil von Lossow und Laura Shirin Choufan
Fotodokumentation: Emil von Lossow
Beteiligte Schulen und Kurse (jeweils 11. Jahrgangsstufe):
- Amy-Johnson-Gymnasium, Leistungskurs Englisch (Leitung: Robin Müller)
- Bertha-von-Suttner-Gymnasium, Leistungskurs Philosophie (Leitung: Martina Denda)
- Charlotte-Wolf-Kolleg, Leistungskurs Geschichte (Leitung: Dr. Karim Hassan)
- Gabriele-von-Bülow-Gymnasium, zwei Leistungskurse Englisch (Leitung: Anna Linkner und Katharina Sandfuchs) sowie einzelne Schüler:innen aus Leistungskursen der Fächer Deutsch, Politikwissenschaft und Geschichte (Leitung: Dr. Brigitte Kassel)
- Georg-Herwegh-Gymnasium, Leistungskurs Deutsch (Leitung: Marie Furchheim)
- Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium, Leistungskurs Englisch (Leitung: Dr. Dorothea Nöth)
- Marie-Curie-Gymnasium, Leistungskurs Deutsch (Leitung: Valeska von Puttkamer)
- Moser-Schule, Leistungskurs Deutsch (Leitung: Daniela Plümecke)
- Thomas-Mann-Gymnasium, Grundkurs Politikwissenschaft (Leitung: Clemens Roggenhofer)